Skulpturen 2017 / 2019

Hommage à la Femme

Die Vielschichtigkeit der Frau, ihr äusseres wie inneres Wesen, faszinieren und beschäftigen Stefan Gort schon seit einigen Jahren. Die Jahre 2015-2016 galten in Stefan Gorts Schaffen der Widergabe von filigraner Schönheit in feinster Bewegung. Der Künstler schuf grazile Frauengestalten, welchen in der erstarrten Bewegung und durch die in Farbe gestalteten Kleider- und Gesichtszüge eine idealisierte Charaktere darstellten. Diesen extremen Bruch mit seinem vorherigen Schaffen hatte Stefan Gort benötigt, um beim Thema «die Frau» fundiert Fuss zu fassen. Der Künstler wollte sich detailliert und konsequent realitätsnah-figural, mit der Wiedergabe der Frau befassen. Dabei arbeitete er auch in dieser Phase nicht auf der Basis, dass er sich zu Beginn einen spezifischen Frauentypus vorgab, den es in der jeweiligen Skulptur zu erfassen galt. Vielmehr bildeten 2015 vor allem «zufällige Fundstücke», anonymer Fotografien aus den Medien, den Schaffensauslöser, auf dessen Basis er nach einem passenden Holz suchte und sich danach durch Holz und Intuition zur finalen Frauenskulptur leiten liess. Im Laufe von 2016 wurde dann die Toggenburger Tänzerin Marula Rigolo Eugster zur Hauptinspirationsquelle.

Die Phase der genauen, feinen und ausgefeilten Arbeitsweise war notwendig, um sich danach aus der gestärkten Kompetenz des Beinahe-Realismus wieder Richtung Abstraktion zu bewegen. Seit 2017 arbeitet Stefan Gort erneut freier, lässt Intuition, Holzstruktur und abstrahierende Reduktionslust wieder vermehrt die Oberhand gewinnen. Die Skulpturen erhalten damit einen eigenwilligeren Charakter. Nur eine feste Vorgabe hat er nach wie vor: Thema ist die Frau, sind die Frauen in ihrer Mannigfaltigkeit und vor allem in ihrer innerlichen Emotionalität und Charaktere.

Ausgangspunkt des künstlerischen Schaffensprozesses ist wieder ganz unmittelbar das Holz, seine Beschaffenheit, seine Wüchsigkeit, seine innere wie äussere Struktur. Dabei hat der Bildhauer eine Vorliebe für manchmal schon ansatzweise morsche, aber sicher immer durch Wind und Wetter geprägte Holzstücke, mit Astgabeln, Spaltungen und Brüchen sowie kräftigem Kernverlauf. Diese Hölzer fordern die Zusammenarbeit des Bildhauers mit dem Zufall, denn er will diese landläufig als «schlecht» definierten Holzanteile zum integralen Teil seiner Werke werden lassen. Gerade sie geben dem Holz, mit welchem die Arbeit startet, seine intuitiv und technisch erfasste Aussage. Sie geben Stefan Gort den materialisierten Rahmen für sein Schaffen.

Die fein ausgefeilten, mit in Farbe entwickelter und gestalteter Designermode bekleideten, filigran-eleganten, teils fast schon sphärischen Frauengestalten der vorherigen Schaffensphase sind nun einer expressiven Nacktheit gewichen. Falls Farbe vorkommt, dann die Nichtfarbe Weiss. Ein ätherischer Schleier scheint sich über spezifische Zonen einige Skulpturen gelegt zu haben. Deren expressiver Ausdruck verstärkt sich, sie werden überhöht, gewinnen an Gewicht. Seelische Zerbrechlichkeit in ungeschützter Ausgesetztheit stellt sich dem Betrachter vor. Die meist raue Behauung oder in gewissen Bereichen der Skulpturen auch gänzliche Naturbelassenheit des Holzes spiegelt das Innere der Frau wieder, zeigt aber auch ihre empfindsame und damit empfindliche Durchlässigkeit, ihren geringen Schutz gegen Verletzung von Aussen. Ihre scheinbar schutzlose Porosität ist allerdings auch kantig und weist Splitterungen auf, an welchen man hängen bleiben kann.

Die Haut, das grösste Organ des Menschen, wird zum Ausdruck der Seele von Gorts Frauengestallten. Diese zeigen in all ihrer würdevollen Nacktheit Stärke in der Weiblichkeit, im Frausein. Die Frauen sind tief und fest verwurzelt im Boden, auf welchem sie stehen, aus dem sie geradezu urwüchsig stabil, wie stolze Bäume, hervorzuwachsen scheinen. Der Übergang zwischen Sockelzone und Füssen ist fliessend. Kraftvoll wachsen die Frauen Richtung Himmel, sie werden vom Künstler gleichsam aus einer Untersicht geformt, werden perspektivisch gegen oben hin verjüngt. Ihre Köpfe sind stets von feinerer Gestalt als die bodenverhafteten Bereiche des Unterkörpers. Gegen oben, gegen das Unendliche hin, sind sie offen, durch ihre unabgeschlossene Gestaltung. Formal bilden die flach abbrechenden Kopfabschlüsse ein Parallelogramm mit dem Sockelende. Die Frauen stehen aufrecht und sind zu Erde und Himmel hin offen, verschmelzen gleichsam mit dem Irdischen wie mit dem Sphärischen. Zugleich ruhen sie fest und tief in sich. Ihre detailliert-fein ausgearbeiteten, realistisch-schönen, weil nicht perfektioniert und hochstilisierten, Brustbereiche geben formalen Halt, sind ruhendes, nährendes Zentrum. Sie sind, gleich wie der mit identischen Mitteln gestaltete Bauch der Schwangeren, Ausdruck eines selbstbewussten, entschiedenen Frauseins.
Stefan Gort wagt in seinen neusten Werken einen persönlichen Blick tief unter die Haut und in die Seele von Frauen, wie sie hier und heute durch ihr Leben gehen. Es ist ihm eine zugleich direkt-herausfordernde wie auch sensibel-würdigende Hommage gelungen.

Zürich, 4. Feb. 2019, Carole Klopfenstein, Kunsthistorikerin

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